Warum wir jetzt über den Kapitalismus reden sollten
Bei dem Versuch, die Grundlagen und Funktionsweisen unserer Gesellschaft zu analysieren und zu verstehen, stößt man, egal ob nun als Neoliberaler oder als Linker, früher oder später auf Karl Marx, dessen Hauptwerk Das Kapital (1867) ist. In dieser Kritik der politischen Ökonomie analysiert und kritisiert Marx die kapitalistische Gesellschaft. Das Kapital ist fundamental, um zu verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert und dementsprechend auch die Gesellschaft, in der er als institutionalisiertes System konstituiert ist (was damit gemeint ist, werde ich sicherlich noch in kommenden Beiträgen beschreiben). Obwohl es bis vor einigen Jahren ruhiger um die Debatte um den Kapitalismus geworden ist, ist es nun an der Zeit, wieder über den Kapitalismus zu sprechen und zu diskutieren. Das wird auch immer mehr getan und dafür gibt es gute Gründe, nicht zuletzt die Finanzkrise 2007/2008. Auch heute noch können wir viel von Marx‘ Schriften lernen. Warum es angebracht ist, jetzt über den Kapitalismus zu sprechen.
Das immer mehr Menschen das Wort „Kapitalismus“ überhaupt benutzen ist bereits bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der Wortlaut an sich bis vor einigen Jahren fast in Verruf stand. Daher stellt sich die Frage nach dem Grund für die Rückkehr dieses Wortes in den Sprachgebrauch der akademischen Welt, aber auch der Öffentlichkeit. Es ist wohl darauf zurückzuführen, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, in den Anfängen einer tiefen Krise – einer systemischen Krise zu stecken. Mit anderen Worten liegen vor uns nicht bloß eine Vielzahl von bereichsspezifischen Einzelproblemen, die sehr isoliert und für sich auftreten. Vielmehr verbreitet sich ein Gefühl von einer zutiefst strukturellen Dysfunktion, die im Zentrum unserer Lebensform angesiedelt ist.
Sicherlich gab es schon immer soziale Bewegungen und Interessenverbände, denen es in unterschiedlichen Formen um wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit ging. Auch sind ökonomische Fragen in Debatten über „Globalisierung“, die Zukunft der staatlichen Autonomie und der Ungleichheit zwischen Armut und Reichtum zu finden. Aber keiner dieser Ansätze betrachtet den Kapitalismus als übergeordnete Lebens- und Gesellschaftsform, die – wie Marx sagen würde – in einer Produktionsweise gründet und eine ganz spezifische Menge von Voraussetzungen, Dynamiken, Krisentendenzen und grundlegenden Widersprüchen und Konflikten aufweist.
Das aktuelle Interesse am Kapitalismus geht, wie zuvor gesagt, über die begrenzten und einseitigen Ansätze hinaus. Es geht nicht „bloß“ um das Ökonomische, um die Ungleichheit, um den Klimawandel, so gravierend diese Einzelprobleme auch sein mögen. Nein, das Problem geht tiefer als das. Über die Frage hinaus, wie der Wohlstand „verteilt“ wird, gibt es das Problem, was überhaupt als Wohlstand gilt und wie Wohlstand produziert wird. Über die Frage hinaus, wer wie viel für welche Arbeit bekommt, gibt es das Problem, was als Arbeit gilt, wie sie organisiert ist und was ihre Organisation von den Menschen verlangt und ihnen antut. Über die Frage hinaus, ob CO2 einen Preis haben soll, gibt es das Problem, dass Kapitalakkumulation im Kapitalismus nicht ohne den ständigen Verbrauch von immer mehr Ressourcen und Energie funktioniert.
Wenn wir über den Kapitalismus sprechen, sollte es daher nicht darum gehen, warum manche Menschen mehr und andere weniger haben. Es sollte vielmehr darum gehen, warum so wenige Menschen gerade ein stabiles Leben und ein Gefühl von Glück und Wohlergehen haben. Warum viele Menschen um prekäre Arbeit konkurrieren und zum Teil mehrere Jobs annehmen müssen, die mit wenig Rechten, Absicherung und Mitbestimmung ausgestattet sind. Auch geht es um die sich verschärfende Belastung des Familienlebens. Wie sich die Zwänge von bezahlter Arbeit und Schulden auf die Kindererziehung, die Alterspflege, den Haushalt und die Gemeinschaft auswirkt. Auch unsere Ausbeutungsbeziehung zur Natur steckt tief in der Krise: Im Kapitalismus ist die Natur die „unendliche“, kostenlose Quelle an Ressourcen und Energie und gleichzeitig die Müllhalde und der Ausguss für das, was wir „nicht mehr brauchen“. Schließlich stellt sich noch die politische Frage, beispielsweise die Aushöhlung der Demokratie durch die Kräfte des Marktes.
All dies spielt eine Rolle, wenn wir heute über den Kapitalismus sprechen. Es ist die Erkenntnis, dass unsere Krise nicht nur eine ökonomische ist. Sie umfasst auch Pflegedefizite, Klimawandel und Entdemokratisierung. Letztendlich ist es aber das Gefühl, dass etwas grundlegendes an unserer Gesellschaft nicht stimmt der Auslöser dafür, dass sich Menschen wieder mit dem Kapitalismus beschäftigen. Das gleichzeitige Auftreten dieser Krisen zwingt zu der Frage, ob es nicht eine Art von tiefem Versagen in unserer kapitalistischen Gesellschaft gibt. Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, „nur“ die Auswirkungen und Probleme in den Blick zu nehmen oder ob eine gesamte Lebensform dysfunktional geworden ist.
Daher ist es jetzt an der Zeit, über den Kapitalismus als Gesamtpaket zu sprechen. Dabei geht es zunächst darum, ihn zu verstehen, was sich bereits als aufwändig erweist. Wer mag, dem sei empfohlen, sich Das Kapital von Karl Marx durchzulesen ;). Es finden sich jedoch auch einfacher zu verstehende Einstiegswerke auf dem Büchermarkt und es gibt auch gute Podcasts zu dem Thema. Sicherlich werden hier in nächster Zeit ebenfalls weitere Beiträge veröffentlicht.
Literaturempfehlungen:
Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie: Eine Einführung, Theorie.org.
Autor*innenkollektiv: Mythen über Marx: Die populärsten Kritiken, Fehlurteile und Missverständnisse, Bertz und Fischer.
Nancy Fraser, Rahel Jaeggi: Kapitalismus. Ein Gespräch über kritische Theorie, Suhrkamp Verlag.
Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (MEW 23), Karl-Dietz-Verlag.
Christian Schmidt: Karl Marx zur Einführung, Junius Verlag.