#BLM: Analyse zur Schieflage der Gesellschaft in den USA
Die AG Schule gegen Diskriminierung hat an meiner Schule vor den Sommerferien einen Podcast zum Thema „Black Lives Matter“ erstellt. Folgendes Statement zur Schieflage der Gesellschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika habe ich eingereicht (am Ende des Artikels befinden sich auch die Links zu den Audiodateien):
Moin! In diesem Podcast-Beitrag möchte ich mich im Groben mit zwei miteinander verknüpften Punkten beschäftigen. Zunächst möchte ich eine kleine Bestandsaufnahme dessen machen, was nach dem Tod von George Floyd in den USA und weltweit passiert ist. Dann möchte ich versuchen zu analysieren, wie es dazu kommen konnte und was uns die Ereignisse lehren. Uns heißt in
diesem Falle dreierlei: Das Individuum, also ich und du, die Gesellschaft und die Politik.
Ich starte direkt mit Teilaspekt eins: Was ist passiert? Der Amerikaner George Floyd wurde bei einem Polizeieinsatz am 25. Mai 2020 in Minneapolis getötet. Erschreckend ist die Tatsache, dass der Officer der Polizei weiß ist, während George Floyd schwarz war. Es handelte sich also um einen Akt rassistischer Polizeigewalt. Warum rassistisch? Obwohl George Floyd mit „I can‘t breathe“
eindeutig zu verstehen gab, dass er keine Luft bekam und offensichtlich keine Gefahr mehr von ihm ausging, verharrte der Officer auf seinem Genick, bis sein Opfer ohnmächtig wurde. Da George Floyd später im Krankenhaus verstarb, startete zunächst in den USA, aber schnell auch weltweit eine Reihe von Protestbewegungen unter dem Namen „Black Lives Matter“, von denen ihr
sicherlich gehört habt. Die Proteste richten sich vor allem gegen strukturellen Rassismus, also Rassismus, der von Institutionen der Gesellschaft, Gesetzen und Normen ausgeht, unabhängig davon, inwiefern Akteure innerhalb der Institutionen absichtsvoll handeln oder nicht. Strukturellen oder auch institutionellen Rassismus erfahren Menschen durch Ausgrenzung, Benachteiligung oder Herabsetzung in gesellschaftlich relevanten Einrichtungen wie beispielsweise bei der politischen Beteiligung (Wahlrecht, fehlende Repräsentanz in politischen Einrichtungen), im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt oder auf dem Wohnungsmarkt. Des Weiteren richten sich die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt.
Nun zum zweiten Teil, der Analyse. Wieso kommt es gerade jetzt zu einer Protestwelle von solchem Ausmaß? Im Wesentlichen ist dies das Resultat von drei Begebenheiten oder Gründen: Erstens wurde der Mord George Floyds gefilmt und online gestellt. Das Video ging innerhalb kürzester Zeit um die Welt. Mit eigenen Augen zu sehen, wie ein Mensch im Zuge von rassistischer
Gewalt umgebracht wurde, tritt einem viel näher, als wenn lediglich davon berichtet wird. Das Internet sorgte für eine intensive und bis dahin einzigartig schnelle Form der Vernetzung. Protestgruppen überall auf der Welt nutzten die sozialen Medien, um ihre Proteste anzukündigen.
Der zweite Grund ist in meinen Augen, dass der Mord an George Floyd kein Einzelfall war. Gerade in den USA ist die Polizei, und das Justizsystem zu Teilen ebenfalls, rassistisch. Wieso ist die amerikanische Polizei als „strukturell rassistisch“ zu bezeichnen? Zunächst möchte ich betonen, dass natürlich nicht verallgemeinert werden kann. Auch in den USA gibt es ehrbare Polizistinnen und Polizisten, die sich der täglichen Gefahr ihres Berufes tapfer aussetzen und gegen Verbrechen kämpfen. Sicherlich wird es auch viele Polizistinnen geben, die sich gegen Rassismus einsetzen. Jedoch lässt sich ein nationaler Trend ausmachen, den es zu erkennen gilt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit diesem Trend auseinandergesetzt. So wurden seit 2015 5400 Menschen von der Polizei in den USA erschossen. Obwohl Weiße rund 60 % der amerikanischen Bevölkerung stellen, waren unter den Erschossenen lediglich 45 % weiß. Schwarze repräsentieren hingegen „nur“ 13 % der amerikanischen Bevölkerung, fallen jedoch zu 23 % unter die Opfer der Erschossenen. Hier lässt sich also ein klares Missverhältnis zwischen dem Anteil der Bevölkerung und dem Anteil an Opfern von Polizeitötungen feststellen. Bei Polizeigewalt sieht es nochmal drastischer aus. In Minneapolis, der Heimatstadt George Floyds, sind rund 20 % der 430.000 Einwohnerinnen und Einwohnern schwarz. Wenn es zur Anwendung von Gewalt seitens der Polizei kommt, stellen Schwarze, obwohl sie in der Bevölkerungsminderheit leben, 60 % der Angegriffenen. Auch bekommen Schwarze, wenn sie genau das gleiche Verbrechen wie Weiße begehen, im Schnitt 20 % längere Haftstrafen. Auch in den Gefängnissen selbst sind Schwarze deutlich überrepräsentiert. Sie stellen 34 % aller Inhaftierten, obwohl sie, wie zuvor bereits erwähnt nur 13 % der Bevölkerung ausmachen. Auch hier erkennt man ganz klar den strukturellen Rassismus. Die Liste geht an dieser Stelle noch lange weiter, ich fasse die wichtigsten Punkte noch einmal schnell zusammen. Lasst die Fakten auf euch wirken: Jeder dritte afroamerikanische Mann landet statistisch gesehen einmal in seinem Leben im Gefängnis. Auf der anderen Seite landet nur jeder 17. weiße Mann einmal in seinem Leben im Gefängnis. Die Arbeitslosenquote von Afroamerikanerinnen ist ca. 5 % höher als die von Weißen. Für gleiche Arbeit erhält man in den USA als Schwarzer 25 % weniger Lohn als ein Weißer. Alle Weißen besitzen zusammen ein Vermögen von 95 Billionen Dollar, alle Schwarzen kommen zusammen auf ein Vermögen von 5 Billionen Dollar. Im Alter von 25 Jahren haben 21 % aller Schwarzen und 35 % aller Weißen einen Universitätsabschluss. In lediglich vier der 500 größten US-Firmen haben Afroamerikaner den
Posten des Vorstandsvorsitzenden inne. Die Gesundheitsversorgung Schwarzer ist schlechter als die Weißer, weshalb sie im Schnitt 3,5 Jahre früher als Weiße sterben.
So, das waren jetzt genug Fakten.
Ich denke, dass klar geworden ist, dass Schwarze in den USA von strukturellem Rassismus betroffen sind. Es folgt noch ein kurzer Exkurs über die Ursache von Rassismus und Ungleichheit solchen Ausmaßes in den Vereinigten Staaten. Das Amerikanische System beruht auf Rassismus und hat weit in die Historie reichende Wurzeln: Die Amerikanischen Kolonialisten verschleppten 1619 die ersten Sklaven aus Afrika und brachten sie über den Atlantik in die USA. Die ersten wirtschaftlichen Erfolge des Landes beruhen auf der Ausbeutung der Sklaven auf den Tabak- und Baumwollplantagen. Man könnte also provokativ sagen: Ohne Ausbeutung der Afrikanischen Sklaven wären die USA wohl niemals zu dem geworden, was sie heute sind: Einer wirtschaftlichen Großmacht. Obwohl 1865 der Import von Sklaven gestoppt wurde, wurden Schwarze weiterhin gesetzlich unter Weiße gestellt. Die Gleichstellung vor dem Gesetz trat erst 1964 in Kraft, was gerade erst 60 Jahre her ist. Eine gesetzliche Gleichstellung bedeutet jedoch nicht, dass es keinen Rassismus mehr gibt. Dieser lebt in den Köpfen vieler Menschen weiter und ist dort bis heute verankert.
Jetzt aber zurück zu George Floyd und Black Lives Matter: Der Mord an George Floyd war sozusagen lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das Wasser im Fass stellt also die Leiden der Afroamerikanerinnen bis heute dar: Rassismus, der tiefe und historische Wurzeln hat, systematische Unterdrückung, die auch heute den Alltag der afroamerikanischen Bevölkerungsminderheit bestimmt und keine Befreiung von diesen verrosteten Strukturen zulässt. Die Menschen, die jetzt auf die Straße gehen sind es satt: Sie sind es satt, dass sie unterdrückt werden und in ihrer Würde eingeschränkt werden. Sie sind es satt, dass ihre Mitmenschen und Freunde unter Rassismus leiden. Deshalb gehen sie auf die Straße um zu zeigen: Wir dulden diesen schrecklich ekligen Rassismus nicht mehr. Es ist 2020 und manchmal kommen uns diese Strukturen noch vor, als würden wir in den Zuständen von vor 50 Jahren leben!
Jetzt komme ich noch zum letzten Grund der Analyse, also Grund drei, warum die Black Lives Matter Bewegung gerade jetzt so stark geworden ist. Es ist Corona, wer hätte es gedacht. Krisenzeiten, wie jetzt während Corona, regen viele Menschen zum Nachdenken an. Denn während einer Krise wird häufig deutlich, was im System nicht ganz so sauber läuft, wie es im sonstigen Alltag den Anschein hat. Jetzt wird zum Beispiel deutlich, dass die großen Konzerne stärker von der Politik unterstützt werden. Während vielerorts die Produktion aufrecht erhalten bleiben „müsse“, um keinen Stellenabbau zu riskieren, müssen Restaurants und Kleinbetriebe den Regelbetrieb aussetzen. Die Spaltung der Gesellschaft tritt ebenfalls deutlicher hervor: Es gibt starke Einkommensunterschiede zwischen Berufen, zum Beispiel Manager und Pflegerinnen, obwohl beide Berufsgruppen zumindest gleich wichtig sind. Bei der Bezahlung der enormen Schulden, die die Bundesregierung für die Konjunkturpakete aufnehmen musste, tritt hervor, dass diese Schulden schlecht von der unteren Bevölkerungsschicht bezahlt werden können. So besitzt
die Hälfte aller Bürgerinnen und Bürger Deutschlands weniger als 2 % des Gesamtvermögens. Wer soll es dann bezahlen? Etwas die Reichen? Wie ihr seht gibt es hier noch einige offene Fragen und vieles zu tun. Ähnlich verhält es sich mit Black Lives Matter. Die Menschen haben jetzt Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen und auch mehr Zeit, mal auf die Straße zu gehen.
Auch unter wirtschaftlichem Normalbetrieb war die Gesellschaft schon gespalten. In den USA nochmal stärker als hier. Durch die Krise hat sich diese Spaltung nochmals vergrößert. Wer schon vorher in schlecht bezahlten Berufen arbeiten musste, hat jetzt tendenziell noch weniger Gehalt. Und da in den USA die afroamerikanische Bevölkerung bereits strukturell benachteiligt ist, geht es ihnen durch Corona nochmals schlechter. Kurzer Funfact am Rande, der eigentlich überhaupt kein „Fun“ enthält: Nach Berechnungen der „Washington Post“ sterben in Gebieten in den USA, wo mehrheitlich Schwarze leben, sechs mal mehr an Corona, als in Gebieten, wo mehrheitlich Weiße leben. Der Mord an George Floyd war also der Schuss in das soziale Pulverfass, wie ich auf der Black Lives Matter Demo hier in Osnabrück gehört habe. Ich finde diese Metapher sehr passend. Meines Erachtens ist die Stärke der Black Lives Matter Bewegung also im Wesentlichen auf das Internet, den real existierenden strukturellen Rassismus und die Verschärfung der Ungleichheit der Gesellschaft durch das Coronavirus zurückzuführen.
Was lernen wir hoffentlich aus dieser Bewegung? Was kann ich nun tun, bzw. was tue ich und was kannst du tun? Ich war auf der Black Lives Matter Demo. Kommt da auch gerne hin, in den Medienist von den Terminen zu erfahren. Demonstrationen sind ein politisches Druckmittel. Sie zeigen derPolitik, was die Bevölkerung will. Sie zeigen aber auch allen rassistisch eingestellten Menschen, dass Rassismus in unserer Gesellschaft nicht geduldet wird. Dann habe ich diesen Podcast-Beitrag erstellt, um aufzuklären. Du musst jetzt natürlich nicht auch gleich so einen Beitrag erstellen. Was du aber ohne Probleme machen kannst ist informieren, diskutieren und dich und deine Freundinnen aufklären, wenn ihr über Rassismus sprecht. Rassismus ist schließlich kein Naturgesetz, sondern wird von Menschen gegen Menschen benutzt. Also ist er angreifbar und deshalb müssen wir dagegen kämpfen. Womit ich bei der Gesellschaft wäre. Die Gesellschaft muss sich gegen Rassismus stellen. Wir lernen hoffentlich, dass es noch immer strukturellen Rassismus gibt. Auch wenn ich mich in meinen Ausführungen eher auf die Vereinigten Staaten beziehe, möchte ich nicht den Rassismus hier in Deutschland ausklammern. Gesetzliche Gleichstellung bedeutet keinesfalls das Ende von Rassismus. Und die Politik? Sie muss die passenden gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen, damit Rassismus nicht auftreten kann. Wenn er dann doch auftreten sollte, müssen alle Rassistinnen mit angemessenen Konsequenzen rechnen.
Okay, das war mein Podcast-Beitrag. Ich hoffe, dass ihr das ein oder andere mitnehmen konntet.
Ich wünsche euch noch eine gute Zeit und alles beste im Kampf gegen Rassismus.
Die Links zu den Audiodateien (der erste enthält Erfahrungen mit Rassismus an unserer Schule, dann folgt dieser Text):