Exit Racism- Aber wie?
„Es gibt keinen Rassismus, nur irgendwo Nazis. Es gibt kein Sexismus, Genderismus oder anderweitige Diskriminierungen. Es ist friedlich. Alle leben im Wohlstand, außer die, die es nicht auf die Reihe bekommen. Ebenso gibt es keinen Klimawandel oder Zweifel an dem politisch-wirtschaftlichen System. Es ist ruhig, außer vielleicht die Weißen Nachbarn, welche um sechs Uhr abends nochmal den Rasen mähen und bewässern müssen.“ Was, wenn das nur eine grobflächige Fassade ist? Nicht, dass es nicht dein Leben sein könnte, eher im Gegenteil, denn du fühlst dich ja so wohl.
Genauso wie in vielen Ländern Kriege geführt werden, gibt es überall auf der Welt Gruppierungen, welche ungerecht, gewaltsam und strukturell aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden und dies aufgrund ihrer äußerlichen Erscheinung. Es führt soweit, dass kleine Kinder bereits chronische Kopf- oder Bauchschmerzen haben und an Depressionen erkranken können. Aufgrund von Menschen, welche ein augenscheinlich offenes und friedliches Leben führen, können sie selbst das System nicht erkennen und die Verantwortung von sich abweisen, wodurch sie es letztendlich unbewusst weiter unterstützen.
Folglich stellt sich doch die Frage, wie kannst du oder deine Mitmenschen das zulassen? Öffnen wir unsere Augen und sehen das Konstrukt: Happyland.
„Happyland ist eine Metapher für den Bewusstseinszustand, in dem sich Weiße Menschen befinden, bevor sie sich mit Rassismus als System und der eigenen rassistischen Sozialisierung auseinandergesetzt haben.“ (Tupoka Ogette, Exit Racism)
Wer jetzt sagt: „Ich bin nicht rassistisch!“, oder „Ich sehe keine Hautfarben!“, der oder diejenige sollte zunächst reflektieren. Denn es geht nicht um dich oder mich, es geht um all die Diskriminierten, welche ungehört, überhört und belächelt werden, wenn sie ihre Stimme für sich und andere erheben.
Historisch gesehen ist das Klassifizieren von Menschengruppen durch die Kolonialzeit begründet. Schon vor der Kolonialzeit versklavten Völker Kriegsgefangene, allerdings spielten dabei weder Herkunft noch Äußerlichkeiten eine entscheidende Rolle. Jedoch wurden im 18. Jahrhundert vermehrt Schwarze als Sklaven aus der Neuen Welt nach Europa verschifft. Die derzeitigen Weißen Geschäftsmänner benötigten eine moralische Rechtfertigung, weshalb vor allem Schwarze Menschen unter unmenschlichen Bedingungen und ihrer Aufsicht existieren mussten, denn im Grunde waren sie in keiner Weise anders als sie selbst. Der Wirtschaftsboom, folgend aus dem Sklavenhandel und Import von neuen Rohstoffen, schaffte eine Horizonterweiterung. Nur musste noch das eigene Gewissen und das der BürgerInnen ruhiggestellt werden. Es durften keine Zweifel über die Art und Weise, wie die Händler, Farmbesitzer etc. an ihren Profit kamen bestehen bleiben, also versuchten sämtliche Gruppierungen, den Afrikanischen Holocaust moralisch vertretbar zu machen. Bibelstellen, philosophische Schriften und schlussendlich die Rassentheorie auf Menschen zu beziehen, erschuf das Bild der „mächtigsten Weißen-Rasse“ und der immer minderwertiger werdenden anderen „Rassen“. Dieses Gedankengut setzt sich von der Aufklärung bis heute fort.
„Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringes Talent, Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“ (Immanuel Kant)
Heute werden natürlich keine Menschen mehr in Deutschland versklavt, allerdings werden im Geschichtsunterricht die rassistischen Taten der Kolonialzeit und der Aufklärung weder hinreichend thematisiert noch kritisch hinterfragt. Die Gesellschaft schiebt den Rassismusbegriff in die rechteste Ecke Deutschlands.
„Nur die vorsätzlichen Anfeindungen gegenüber Black, Indigenous and People of Color (BIPoC) sind rassistisch, sonst nichts.“ Rassismus ist in unserer Gesellschaft ein Schandwort. Doch wir leben in einem System, welches historisch tiefverwurzelte rassistische Aspekte noch immer als Norm bezeichnet und uns somit nicht zeigt, dass jeder der es noch nicht erkannt hat, rassistische Seiten in sich birgt. Es ist der unsichtbare Rassismus in uns, wie Vorurteile, welche unausweichlich seien. Bereits im Kindergartenalter fangen wir zu lernen an, wer oder was der Norm entspricht. Uns wird ein System vermittelt, in dem rassistische Sozialisation gegeben ist. Selbst in Kinderbüchern, Liedern und Spielen, werden BIPoC oft auf rassistischer Ebene dargestellt, wodurch diese ethnischen Gruppierungen und deren Lebensstile verzerrt und verfälscht werden. Es entsteht ein verdrehtes Grundbild. Auch das Bildungssystem, der Arbeits- und Wohnungsmarkt oder das Racial Profiling der Polizei benachteiligen BIPoC und werten sie systematisch ab. Somit wird deutlich, dass wir in ein System geboren wurden, welches sich darauf versteht, Menschen aufgrund ihres äußerlichen Erscheinungsbildes als „nicht-Deutsch“ einzustufen.
Vielleicht nennst du es Neugierde, wenn du eine BIPoC triffst und sie/ihn fragst, woher sie/er kommt. Doch ist es wirklich noch pure Neugierde, wenn man nach der Antwort: „Göttingen“ weiter nach den Wurzeln oder der „wahren Herkunft“ fragt, da du denkst, dass jemand, der nicht Weiß ist, auch nicht deutsch sein kann? Es ist in Ordnung sich zu erkundigen, woher jemand kommt, aber nach einer unmissverständlichen Antwort musst du nicht weiter nachbohren. Deine Ahnen kommen mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht alle aus Deutschland. Und, fragt jemand danach und lobt dich dann für dein gutes Deutsch? -Sicherlich nicht.
Die Privilegien, welche allein aufgrund der Weißen Hautfarbe entstehen sind massiv und dabei wird vergessen, dass es sie überhaupt gibt. Beispielsweise muss ein Weißer sich hierzulande nicht aufgrund seiner Hautfarbe fragen, warum er nach der 3. Anfrage die Wohnung oder den Job nicht bekommen hat. Er muss auch keine Angst haben, wenn er von der Polizei angehalten wird. Er muss nur vor der Strafe seiner Taten Angst haben. Wenn also kleine Kinder von Anfang an sehen, dass Weiß sein der Norm entspricht und Schwarz zu sein bedeutet, ausgeschlossen und abgewertet zu werden, entwickeln sie schnell eine unterbewusste negative Selbsteinschätzung, die psychische Folgen haben kann.
Um das System in sich zu zerschlagen, ist es wichtig sein Verhalten und das anderer zu reflektieren. Da ich denke, dass die wenigsten Weißen rassistisch sein wollen, appelliere ich an alle, sich darüber im Klaren zu sein, was sie über/zu anderen sagen. Es ist wichtig all denjenigen zuzuhören, die Erfahrungen mit strukturellem Rassismus gemacht haben. Die Welt lebt schon viel zu lange in einer von Rassismus geprägten Gemeinschaft und viele BIPoC sind nach der jahrelangen Auseinandersetzungen mit Rassismus müde. Für alle die, die keine Kraft mehr haben, ihre Stimme zu erheben, gehen wir einen Schritt weiter und informieren, diskutieren und demonstrieren für eine gerechtere Welt. Für eine Welt, in der es egal sein wird, welche Hautfarbe ein Mensch hat, denn man sieht sie und hat verstanden, dass jede Hautfarbe, egal welcher Oktave, so wunderschön und rein ist wie die eigene. Happyland ist ein Konstrukt. Es ist eine Lüge, also warum sollte es so schwer sein, die Wahrheit dahinter zu lüften, um unserer Gesellschaft etwas Gutes zu tun?
Black Lives Matter not All Lives Matter!
Denn es bedeutet nicht, dass ein Weißes Leben weniger wichtig ist oder du nicht mit Sexismus, Genderismus oder sonstigen Diskriminierungen zu kämpfen hast. Es geht darum, dass alle BIPoC, ob jung oder alt, die gleichen Rechte zustehen, wie sie gesetzlich allen zustehen. Deshalb gehen weltweit Menschen auf den Straßen und demonstrieren für die Gleichberechtigung von BIPoC.
Egal wer du bist oder wie du dich definierst, du bist einzigartig und ich möchte mit jedem und jeder für mehr Gleichberechtigung kämpfen, egal ob LGBTQ+ und/oder BIPoC.