Der Wahnsinn der Lebensmittelverschwendung
Traurige Bestandsaufnahme und mögliche Wege.
Die Lebensmittelverschwendung in den westlichen Ländern der Welt hat ein Ausmaß angenommen, welches ethisch und klimatechnisch nicht zu verantworten ist. Rein statistisch wirft jeder deutsche Bürger pro Jahr ca. 55 kg Lebensmittel in den Müll. Das entspricht ca. 150 g pro Person pro Tag. Die individuelle Wahrnehmung jedes Einzelnen weicht jedoch von der Realität teilweise dramatisch ab. Bei Befragungen sagen die meisten Menschen, dass sie keine oder halt nur Lebensmittel wegwerfen, die nicht mehr genießbar sind. Eine detaillierte Untersuchung zeigte jedoch ein völlig anderes Bild [3]. Weitere Verluste entstehenden an der gesamten Produktions- und Handelskette.
Die Produktion von Lebensmitteln für die westlichen Industrienationen findet mittlerweile in nahezu allen Ländern der Welt statt. Tomaten aus Spanien, Bohnen aus Ägypten, Kiwis aus Neuseeland, Erdbeeren aus China, Avocado aus Mexiko. Damit sind nur ein paar Beispiele genannt. Viele dieser Lebensmittel verbrauchen riesige Mengen an Wasser, welches aus tiefen Brunnen gefördert oder über weite Wege zu den Feldern transportiert werden muss. Ganze Landstriche sind zu reinen Monokulturen geworden, die sehr intensiv chemisch gedüngt werden und gegen die hohe Anfälligkeit für Schädlinge, wie bestimmte Insekten, Windkräuter und Pilze, zudem mit Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden gespritzt werden müssen. Die natürliche Landschaft wurde von den Menschen dort nahezu vollständig vernichtet. Die Feldarbeiter arbeiten häufig unter menschenunwürdigen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen.
Von den erzeugten Nahrungsmitteln wird jedoch nur ein Bruchteil von den Endverbrauchern verzehrt. Ein Teil der Ernte bleibt direkt auf dem Feld liegen. Dieses sind die Früchte, die nicht den entsprechenden Handelsnormen entsprechen. Zu klein, zu lang, falsche Farbe. In der häufig nachfolgenden Weiterverarbeitung zu Fertigprodukten wird alles aussortiert, was nicht mit den Maschinen verarbeitet werden kann. Die teils langen Transportwege verursachen weitere Verluste, durch z.B. Unterbrechung der Kühlketten. Ganze Lkw-Ladungen werden vernichtet.
Angekommen im Supermarkt werden die Regale mit all diesen Produkten gefüllt. Je größer die Auswahl von exotischen Früchten, desto mehr Kundschaft wird in die Läden gelockt. Ob diese Lebensmittel bis zum Ladenschluss verkauft werden, ist fraglich. Die Kundschaft erwartet aber mittlerweile, dass sämtliche Regale stets gefüllt sind. Ob Obst, Gemüse, Backwaren, Milchprodukte, Fisch und Fleisch. Alles muss immer verfügbar sein. Vieles davon kann man darauffolgenden Tag nicht mehr verkauft werden und wird abends im Müll entsorgt.
Der Endverbraucher kauft sehr häufig viel zu viele Lebensmittel ein und kocht zu große Mengen, die nicht aufgegessen werden. Alles was dann übrig ist, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder einfach nur optisch nicht mehr optimal aussieht, wird weggeworfen. Gekochte Nudeln, hartes Brot, schrumpeliges Obst und Gemüse, Bananen mit braunen Stellen, abgelaufene Milchprodukt sowie Fisch und Fleisch, wenn es älter ist als das Verbrauchsdatum.
Besonders groß ist der Umweltbelastung, wenn Fleisch, Fisch oder Milchprodukte nicht verzehrt, sondern entsorgt werden. Die Produktion tierischer Lebensmittel verbraucht deutlich mehr Rohstoffe als der Anbau von Obst und Gemüse. Tierische Lebensmittel werden mittlerweile fast vollständig in Massentierhaltung erzeugt. Hier wird sehr viel Kraftfutter aus Mais, Soja und Getreide zugefüttert, welches wertvolle Agrarflächen weltweit in Anspruch nimmt, die somit nicht mehr für die direkte Produktionen von menschlicher Nahrung zur Verfügung stehen. Über diesen Umweg werden ca. 80 % der gesamten nutzbaren Agrarfläche in Anspruch genommen, die jedoch nur ca. 17 % des weltweiten Kalorienverbrauchs für den Menschen liefern. Zu dem verschwenderischen Ressourcenverbrauch kommt noch viel Tierleid und das unnütze Töten von Tieren hinzu, wenn die daraus gewonnenen Lebensmittel schlussendlich im Müll landen.
Die Entsorgung von Lebensmitteln z.B. auf Mülldeponien hat noch einen weiteren großen Einfluss auf das Klima des Planeten. Etwas 15% des weltweiten Methanausstoßes kommt durch Lebensmittelmüll. Hierbei muss beachtet werden, dass Methan ein 28-mal stärkeres Treibhausgas ist als CO2.
Zu der enormen Verschwendung von Ressourcen und der Freisetzung von Treibhausgasen kommt noch die soziale Komponente hinzu. Während die westlichen Industrienationen in der totalen Verschwendung leben, hungern in den Entwicklungsländern mehr als 1 Mrd. Menschen. Weltweit werden jedoch genug Nahrungsmittel produziert. Es ist somit ein reines Verteilungsproblem der Lebensmittel.
Fehlende Wertschätzung
Die Wertschätzung von Lebensmittel ist in den Industrienationen in großen Teilen verloren gegangen. In den Städten ist das Wissen um den Anbau und die Produktion von Getreide, Obst und Gemüse sowie die Aufzucht von Nutztieren nahezu verloren gegangen. Kinder und Jugendliche sagen häufig, dass es alles im Supermarkt zu kaufen gibt. Wie die Lebensmittel dort hinkommen, wissen sie in vielen Fällen nicht. Hier kann der Kindergarten oder die Schule direkt ansetzen und die Problematik im Unterricht thematisieren. Projekte, wie Lebensmittel hergestellt werden, z.B. auf Bauernhöfen, in Bäckereien und Molkereien, aber auch in Supermärkten und evtl. bei der Entsorgungen, würde den Kindern und Jugendlichen das Thema von allen Seiten näherbringen. Das Ganze kann durch praktische Arbeiten unterstützt werden. Obst und Gemüse selbst anbauen und ernten, Brote und Kuchen backen. Diese Projekte steigern die Wertschätzung von Nahrungsmitteln für den täglichen Bedarf. Niemand wirft gerne Dinge weg, in die er viel Zeit und Mühe hineingesteckt hat.
Ein weiteres Problem ist der Preis. Lebensmittel sind in Deutschland viel zu billig. Rein finanziell ist es kein großer Verlust, wenn Obst, Gemüse oder Milchprodukte in den Müll geworfen werden. Noch in den 1970er Jahren wurde in den Industrieländern ca. 40 bis 50 Prozent des Einkommens für Essen ausgegeben. Heute nur noch ca. 10 bis 20 Prozent.
Auch unser Einkaufsverhalten trägt zu der Verschwendung bei. Es wird erwartet, dass die Supermärkte zu jeder Zeit alle Waren verfügbar haben. Die Regale müssen immer gefüllt sein. Ist ein Produkt mal nicht da, wird der Supermarkt gewechselt und auf Internetportalen negativ bewertet.
Ändern des Einkaufsverhalten
Kunden können jedoch durch ihre Art und Weise des Einkaufs die Supermärkte zu einem Umdenken zwingen. Warum bis zum Ladenschluss immer alles verlangen? Wenn Produkte ausverkauft sind, gibt es immer Alternativen. Sehr häufig werden Lebensmittel in den Einkaufswagen gelegt, die das längste Mindesthaltbarkeitsdatum haben, auch wenn die Produkte einen Tag später verzehrt werden. Da würde es auch einer tun, der kurzfristig abläuft. Oder vielleicht mal in den Supermärkten Bananen oder Äpfel kaufen, die eine kleine braune Stelle haben?
Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verbrauchsdatum. Lebensmittel, deren Datum abgelaufen ist, können in der Regel noch ohne Bedenken verzehrt werden. Wir können uns sehr gut auf unseren Geschmackssinn verlassen, ob ein Produkt noch ohne gesundheitliche Gefahr gegessen werden kann. Ausnahmen bilden hier jedoch Fisch- und Fleischprodukte. Diese sollten nach dem Ablaufen des Verbrauchsdatums nicht mehr verzehrt werden.
Müssen Lebensmittel aus allen Winkeln der Erde bei uns in den Märkten liegen? Brauchen wir im Winter Erdbeeren auch China oder Äpfel aus Neuseeland? Muss Mineralwasser aus den Pyrenäen nach Norddeutschland gefahren werden?
Was kann der Einzelne konkret tun? Zu Lebensmitteln greifen, die in wenigen Tagen ablaufen, wenn sie eh bald verzehrt werden. Möglichst regional produzierte Lebensmittel einkaufen. Und krummes Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern schmeckt auch.
Eine Möglichkeit, zu viel eingekaufte Lebensmittel nicht gleich in den Müll zu werfen, sind etliche Angebote zum Teilen von Lebensmitteln. Es gibt in Deutschland diverse Portale im Internet. Häufig sind die Menschen auch vor Ort sehr gut vernetzt und teilen Lebensmittel miteinander. Hier wird die Möglichkeit geboten, Lebensmittel, die nicht mehr verwendet werden, anderen Menschen zur Verfügung zu stellen, die sie gebrauchen können.
Auch die Lebensmittelhändler haben einige Möglichkeiten, um der Verschwendung entgegenzutreten. Zum einen können Lebensmittel, die ein paar Tage vor dem Ablaufen des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen, im Preis reduziert werden und demensprechend kenntlich gemacht werden. Zum anderen lassen sich noch gute Lebensmittel, die aber bereits abgelaufen sind, an die Kunden verschenken. Das Beispiel eines Supermarktbetreibers aus München sollte Schule machen. Nicht mehr perfektes Obst und Gemüse wird im Kassenraum in Regale und bereits abgelaufene Milchprodukte in einen Kühlschrank gelegt, wo sich jeder einfach umsonst bedienen kann. Nach Auskunft des Betreibers haben sich die Investitionen bereits nach kurzer Zeit gelohnt, denn er muss deutlich weniger Geld für die Entsorgung des Lebensmittelmülls aufbringen. Zudem tut er der Umwelt und der Gesellschaft einen großen Gefallen.
Containern
Leider folgen diesem Beispiel bislang kaum Supermärkte in Deutschland und abgelaufene und nicht verkaufte Lebensmittel landen nach Ladenschluss häufig in den Mülltonnen.
Containern ist ein bewusster Protest gegen diese massenhafte Lebensmittelverschwendung. Freeganer oder Mülltaucher durchsuchen nachts oder an Wochenenden die großen Müllcontainer der Supermärkte nach brauchbaren Lebensmitteln. Fast immer werden sie fündig, vorausgesetzt der Müll ist nicht verschlossen oder schon zusammengepresst. Hierbei muss allerdings beachtet werden, dass die Mitnahme von Müll in Deutschland gesetzlich verboten ist. Der Müll gehört dem Supermarktbetreiber solange, bis er von der Müllabfuhr abgeholt wurde. Einige Mülltaucher standen diesbezüglich schon wegen Diebstahls vor Gericht. Jedoch wurden die meisten Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt.
Der Gesetzbegeber wäre hier in der Pflicht, dieses Thema eindeutig zu regeln. Bleibt hier nur zu hoffen, dass die Regelungen positiv für die Lebensmittelretter ausfallen. Eine Petition zu einer Gesetzesänderung wurde gestartet. Das Ergebnis ist allerdings noch völlig offen. Anfang des Jahres 2019 gab einen Vorstoß von dem Hamburger Justizsenator Till Steffen von den Grünen, der das Containern legalisieren wollte. Dieses Vorhaben ist jedoch an den anderen Bundesländern gescheitet. Schade.
Auch die Supermärkte können an dieser Stelle ansetzen und entweder die Container so aufstellen, damit sie für jeden frei zugänglich sind, oder die nicht mehr verkaufsfähigen Lebensmittel direkt spenden. Die örtlichen Tafeln oder Foodsaver nehmen diese Lebensmittel gerne und verteilen sie entweder an Bedürftige oder stellen sie in öffentliche Kühlschränke, an denen sich jeder bedienen darf.
In Österreich und der Schweiz sieht die Sache anders aus. Müll gilt als herrenlos und darf mitgenommen werden. Somit ist hier die rechtliche Hemmschwelle nicht gegeben. Diesem Beispiel könnte Deutschland auch folgen. Was ist denn dabei, wenn brauchbare Dinge aus den Mülltonnen geholt werden und somit sinnvoll genutzt werden können?
Fazit
Lebensmittel müssen wieder mehr Wertschätzung erfahren. Kauft bewusst und möglichst regional ein. Nehmt ruhig unperfektes Obst und Gemüse mit. Kauft Lebensmittel auch kurz vor dem Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatum (Es ist viel länger genießbar, als viele glauben). Teilt zu viel eingekaufte Lebensmittel mit anderen Menschen. Unterstützt die diejenigen, die Lebensmittel retten, egal ob Tafeln, Foodsaver oder Mülltaucher. Jeder sollte einen Beitrag leisten. Unsere Nachkommen werden es und danken.
Unbedingt zur Lektüre empfohlen:
- Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn: Die Essensvernichter – Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2013
- Das große Wegschmeißen – Vom Acker bis zum Verbraucher: Ausmaß und Umwelteffekte des Lebensmittelverschwendung in Deutschland, WWF Studie 2015
- Thomas Schmidt, Felicias Schneider und Erika Claupein: Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten in Deutschland – Analyse der Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung 2016/2017 von GfK SE – Thünen Working Paper 92
- Christiane Grefe, Marcus Rohwetter und Merlind Theile: Schmeckt doch noch! – Berge von Lebensmitteln werden weggeschmissen. Es ist an der Zeit, den Wahnsinn zu beenden. Helfen kann ausgerechnet die schlechte Ernte, Die Zeit Nr. 40, 27. September 2018